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Meditation als Routine

Vom Sinn der Regelmäßigkeit in der Meditation. Gedanken zur Schönheit der Routine.

Ein klarer Fall von Jein.

Neulich war ich als Expertin in einem Talk zum Thema Meditation (hier habe ich auch bereits kurz ein bisschen darüber geschrieben: „Meditation – Endlich Ruhe im Kopf?”), bei dem es auch darum ging, ob man denn eigentlich wirklich jeden Tag meditieren muss. Die Antwort ist: Jein.

Nein, weil: Wen man achtsam lebt, ist alles Meditation, dann muss man sich nicht extra hinsetzen, um zu meditieren und zu sich zu kommen. Life as meditation. Darauf haben wir uns auch neulich in dieser Podcast-Folge von Inspiration Journey geeinigt.
Diejenigen, die schon so weit sind, meditieren natürlich trotzdem auch mal im Sitzen und mit geschlossenen Augen. Vielleicht weil es ihnen Spaß macht. Weil es sich gut anfühlt. Sie meditieren mit Freunden oder mit ihren Schülern, oder weil sie weiter in ein Thema vordringen oder neue Methoden ausprobieren wollen. Oder weil niemand immer „perfekt” ist und auch die allerachtsamsten Menschen manchmal aus ihrer Ruhe und ihrer Mitte fallen. Kleine Reminder, kleine Auffrischer können nie schaden. 

„Keiner muss sich aufs Kissen zwingen!”

Ja, weil: Wenn man noch nicht so weit ist, dann ist es auf jeden Fall sinnvoll und hilfreich, regelmäßig am Ball zu bleiben und eine gewisse Routine zu etablieren, so dass die Achtsamkeit zum Grundzustand wird.
Bis sich so eine Routine etabliert, braucht es Zeit. Wie lange so ein Umstellungsprozess dauert, darüber gehen die Meinungen in der Wissenschaft auseinander. Früher ging man von 21 Tagen aus, inzwischen lese ich immer öfter, dass es 66 Tage, also gut zwei Monate (siehe dazu auch diese Studie von Philippa Lally, Gesundheitspsychologin am University College in London).

Belohnung und externe Motivation

Das heißt im Umkehrschluss: für Meditationsanfänger gilt doch ein gewisser Zwang zum Kissen. Aber auch wirklich nur, wenn wirklich der Wunsch besteht, sich diese Gewohnheit anzueignen. Mit einem Belohnungssystem zu arbeiten, das unsere Emotionen anspricht, kann helfen, dran zu bleiben. Gelingt uns etwas zum ersten Mal, dann schüttet unser Gehirn die Glückshormone Serotonin und Dopamin aus und wir erleben den Glücksmoment in emotionaler Hochstimmung. Wiederholen wir die Aktivität, tragen diese Hormone dazu bei, dass sich ein neuronales Muster verfestigt. Wenn wir die Erfahrung machen, dass ein bestimmtes Verhalten zu einer Belohnung führt, wiederholen wir es gern und möglichst oft.

Man kann sich als Belohnung z.B. immer nach der Meditation ein leckeres warmes Getränk gönnen, oder auch ein Mal wöchentlich eine Massage oder frische Blumen. Weniger Anspruchsvollen genügt es vielleicht auch einfach, sich mit dem guten Gefühl zu belohnen, dass ihnen die Meditation (hoffentlich) verschafft.

Weiterhin hilft, darüber zu sprechen, es z.B. den Freunden zu erzählen. Wenn ein Teil der Motivation auch von außen kommt, bleiben wir noch besser dabei. Wem die Freunde als externes Korrektiv nicht genug sind, der oder die kann sich auch einen Lehrer oder Coach leisten. Mir persönlich geht es selbst so: wenn ich eine Yoga-Klasse live mitmache, gebe ich mir definitiv mehr Mühe als wenn ich mit der Aufzeichnung praktiziere.

Was spricht dafür, dranzubleiben?

Je regelmäßiger du dabei bleibst, desto schneller hast du die schwierige Anfangs- und Eingewöhnungsphase hinter dir und wirst schneller an den Punkt kommen, an dem Meditation deine Freundin geworden ist, die dir hilft, deinen Geist zu beruhigen und dich mit dir zu verbinden, wann immer du es brauchst. 

Meditation ist eine Technik, mit der wir den Geist zur Ruhe zu bringen und einen wachen, klaren Bewusstseinszustand erlangen können, in dem das Ego in den Hintergrund tritt und wir zum Beobachter werden. Sie ist der Schlüssel zu einer annehmenden Gelassenheit, die uns gerade in diesen herausfordernden Zeiten zu mehr Zufriedenheit und Perspektive verhelfen kann. 

Manche Menschen haben ein so volles, stressiges Leben, dass sie diese Gelassenheit wirklich nur haben, wenn sie mit geschlossenen Augen auf ihrem Meditationskissen sitzen. Da ist es einfach elementar, dass sie sich diese Pause für Geist und Nervensystem auch wirklich gönnen. Wenigstens ein Mal am Tag.

Disziplin oder Depression? Es liegt bei dir.

Gelassenheit, Perspektive und Zufriedenheit sind gerade in diesen Zeiten etwas, das wir uns wahrscheinlich alle sehr wünschen. Ein guter Freund von mir, Christoph, hat den Nagel auf den Kopf getroffen, als er beschrieb, dass ihn im März, der in Berlin sehr grau und trostlos war, eigentlich nur seine Disziplin vor dem Durchdrehen gerettet hat. Er sagte, für ihn war es glasklar: Entweder Disziplin oder Depression. Christoph hat sich für die Disziplin entschieden und zwar jeden Tag. Meditation und Yoga sind insofern Teil seiner Routine, an der er festhält, die ihm gewissermaßen heilig ist.

Routine … ist das nicht schrecklich langweilig?

Die meisten von uns assoziieren das Wort Routine mit dem immer gleichen „same old, same old”. Routine klingt erstmal nach eingestaubt und langweilig. Nach dem Gegenteil von Überraschung. Nach etwas, das man unter allen Umständen vermeiden möchte. Dabei kann Routine auch etwas total Schönes sein.

Mein Freund z.B. hat eine Frühstücksroutine mit Tee und Ei und lauter feinen Sachen. Er zelebriert dieses Frühstück und freut mich immer schon vorher sehr darauf. Gleichzeitig fragt er sich (und mich) ob das nicht eigentlich total spießig und schlimm sei, morgens immer das gleiche zu essen. Ich kann verstehen, wo diese Gedanken herkommen, aber gleichzeitig denke ich: „Warum denn nicht? Solange du trotzdem ab und zu bereit bist, gleich nach dem Aufstehen mit mir vor die Tür zu gehen und den Tag mit einem Croissant auf die Hand zu begrüßen, ist doch nichts dabei.” Man darf seine Routinen lieben und feiern! Sie ab und zu in Frage zu stellen, ist dennoch erlaubt 🙂

Die Schönheit der Routine

Wenn wir eine Routine entwickelt haben, die uns gut tut, dann hat das was von einem Zuhause. In der Routine müssen wir nicht mehr groß nachdenken. Wir kennen uns blind aus und wissen, wo sich alles befindet. Das kann uns ein ganz warmes Gefühl der Sicherheit bescheren.

In diesem Kontext ist der Begriff Routine also absolut positiv besetzt. Denn eine feste Routine bringt Struktur in den Tag. Was auch wieder gerade jetzt für viele die totale Rettung sein kann. Wenn sich alles nur noch unsicher anfühlt, keiner weiss, wie es weiter geht, keiner wirklich planen kann, dann schafft man sich in seinem Einflussbereich Strukturen. Mit Hilfe von Routinen, die uns gut tun, die wir uns selbst ausgesucht haben, die uns weiterbringen.

Viele schwören ja auf die Morgenroutine und auch ich bin Fan. Warum?

Warum ist die Morgenroutine so wichtig?

Morgens ist die Chance, dass wir wirklich bei UNS sind, höher als später, wenn wir schon viele fremde Meinungen aufgenommen haben – durch die Medien oder durch Freunde. Durch die Morgenroutine schaffen wir eine starke Basis, die uns stärkt und uns Kraft gibt. Wir starten mit dem schönen Gefühl in den Tag, uns selbst etwas Gutes getan zu haben. Von dieser Basis aus können wir dann fest verwurzelt und nach oben hin flexibel nach draußen in die Welt gehen. Wir sind gewissermaßen vorbereitet und gerüstet für die vielen unkontrollierbaren Überraschungen, die das Leben jeden Tag für uns bereithält.

Meine Morgenroutine

Meine aktuelle Morgenroutine beinhaltet Pranayama-Atemübungen, Stretching, ein bisschen Kundalini-Atemübungen, Meditation … ein bis zwei große Gläser Earl Grey mit aufgeschäumter Hafermilch. Und die Freude über die Krähen, die im Baum vor meinem Balkon ihr Nest gebaut haben und wahrscheinlich schon ihre Eier ausbrüten. Manchmal schreibe ich auch noch in mein Tagebuch.
Aber keine Angst: ich mache das nicht alles jeden Tag, sondern gehe in meiner Wahl sehr intuitiv vor. Ich kann das so locker halten, weil ich schon Jahre dabei bin.

Wie sieht deine Morgenroutine aus? Wenn du Lust hast, schreibe gern einen Kommentar.

Morning-Routine

Und was ist mit der Abendroutine?

Natürlich verdient auch die Abendroutine einen festen Platz. Sie ist nicht ganz so populär – bzw. wird nicht so viel darüber geredet – weil wir uns die Abende wahrscheinlich gern für soziale Aktivitäten freihalten. Da ist es dann natürlich schwerer, sich die Zeit zu nehmen. Manchmal ist man halt auch einfach zu müde, zu betrunken oder zu satt vom Tag … Dennoch kenne ich einige, die eine Abendroutine haben. Dazu zählen vor allem beruhigende Tätigkeiten, die auf den Schlaf vorbereiten. Da wird das Handy schon 2 Stunden vor dem Zubettgehen ausgeschaltet, Yin Yoga praktiziert, ein Bad genommen, Tagebuch geschrieben und der Tag Revue passieren gelassen, Duftkerzen angezündet …

Wer mag, kann natürlich auch beides machen. Oder eine Mittagsroutine finden, die zu ihm oder ihr passt!
Was auch immer ihr macht: Ich hoffe, ihr habt Spaß und denkt immer daran: von Müssen kann bei alledem nie die Rede sein!

Challenge

Wenn du gerade mit der Meditation (oder etwas anderem) anfängst, committe dich dazu, es 21 oder 66 Tage zu machen und beobachte, was passiert. Ich bin sehr neugierig und würde mich freuen, wenn du deine Erfahrungen mit mir teilst.

So wird es leichter:

  1. Denk dir eine Belohnung aus. Eine gesunde!
  2. Nimm dir nicht zu viel auf einmal vor, fang klein an.
  3. Mach es dir so leicht wie möglich: wer mit dem Laufen anfangen will, kann sich die Laufschuhe gleich neben des Bett stellen. Wer mit dem Meditieren anfangen will, kann sich das Meditationskissen gleich neben das Bett legen 😉
  4. Mach dir Auslöser für unerwünschtes Handeln klar: beobachte und nimm wahr, was dich hindert, deinen Plan umzusetzen, wann der innere Schweinehund besonders stark ist und warum. Wenn du das weisst, kannst du ihn besser austricksen.

Ein paar neurobiologische Fakten zum Schluss

Es ist ganz natürlich und menschlich: Unser Gehirn strebt danach, alles in Routine zu verwandeln, denn Denken ist aufwendig. Routinen helfen dem Gehirn, Energie zu sparen. Diese mentale Energie steht uns dann für andere Aufgaben zur Verfügung. Diese evolutionäre Errungenschaft ist dann schön und gut, wenn es sich um gesunde Routinen handelt, jedoch ungünstig, wenn es sich um ungesunde Gewohnheiten handelt.

Wenn du magst, schau dir gern einmal an, was du für Gewohnheiten hast und bewerte ganz ehrlich, ob sie dich eher stärken oder schwächen. Wenn sie dich stärken, zelebriere sie um so mehr. Wenn sie dich schwächen, schau, wie du sie durch andere, gesündere Gewohnheiten ersetzen kannst. Viel Spaß!

Noémie Causse

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