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Die transformierende Kraft des Fastens

Die transformierende Kraft des Fastens.

Oder warum ich die Langstrecke dem Intervall vorziehe

In Berlin ist der Frühling ausgebrochen: auf der Frankfurter Allee sprudeln die Springbrunnen und auf den Grünflächen tummeln sich Kinder, Hunde und Pärchen, die hier picknicken und im Wasser spielen. Bald heißt es wieder: „Pack die Badehose ein …”
Letzte Woche in Meck-Pomm war das Wetter noch ganz schön durchwachsen. Und überhaupt kommt es mir vor, als wäre ich von einem Universum in ein anderes katapultiert worden, als ich vor ein paar Tagen von einer fünftägigen Fastenauszeit auf dem Lande zurück nachhause gekommen bin. Aber nicht nur die Orte sind verschieden – auch ich bin eine andere. Denn Fasten hat eine transformierende Kraft. Und die Wirkung beschränkt sich nicht nur auf den Körper.

Zum inzwischen sechsten Mal bin ich Anfang Mai mit meiner lieben Freundin Katha für unsere jährliche Fastenkur in die ostdeutsche Pampa gefahren. Von Katha stammt übrigens auch der schöne Spruch: „In der Luft hängen ist ein bisschen so wie die Seele baumeln lassen.” Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass jemand mit so einer Einstellung die perfekte Begleitung ist für eine Auszeit ohne Essen, dafür mit viel Tiefgang.

Einmal im Jahr, am liebsten im Frühling sagen wir den Terminen, To Do-Listen und der Großstadt Good-Bye und widmen uns dem Detox. Unsere favorisierte Methode ist das Saft- und Tee-Fasten nach Dr. Otto Buchinger, auch als Buchinger-Heilfasten bekannt. Bei dieser Methode verzichtet man für mehrere Tage (bei uns sind es meist 5 – 7 Tage) auf Nahrungszufuhr. Stattdessen gibt es 2 Mal am Tag mit Wasser verdünnte Bio-Fruchtsäfte und ganz viel Tee und Wasser. Was für manche vielleicht nach schierer Qual klingt, ist für mich ein schönes Freundinnen-Ritual geworden, mit dem ich meinen Körper nach dem Winter und dem fett-, zucker- und alkoholreichen Geschlemme von Weihnachten und Ostern entgifte und für den Frühling resette.

Man kann so eine Fastenkur auch zuhause durchziehen – habe ich auch schon gemacht – aber viel angenehmer und letztendlich nachhaltiger ist es, wenn man sich dafür wirklich Zeit nimmt und an einen schönen Ort fährt, an dem auch die Seele entgiften kann. Am besten sucht man sich eine Unterkunft, in der man keinen Internetempfang hat 😉

Vorher ist mir jedes Mal ein klein wenig bange, ob alles gut gehen wird. Wird mein Körper die Umstellung verkraften? Werde ich in ein berüchtigtes Fastentief stürzen? Wird mich der Hunger plagen oder fiese Kopfschmerzen vom Koffeinentzug? Und dann ist es immer wieder einfach nur toll. Ich bin begeistert, zu welchen Leistungen der menschliche Körper – mein Körper! – in der Lage ist. Wir klug er ist. Wie schnell er von der Verarbeitung extern zugeführter Energie zur Verwertung der eigenen Energiereserven umstellt und das alles fast ohne zu Murren.

>> Du willst mehr darüber erfahren, wie so eine Fastenkur im Detail abläuft und welche Arten von Fasten es sonst noch so gibt? Hier geht’s zu einem Artikel auf meinem alten Blog: Zwischen Fast Love und fast wahnsinnig. Meine Erfahrungen mit Fasten.

Jedes Mal merke ich auch, wie viel klarer im Kopf ich werde und wie sehr ich runterkomme. Auch dann, wenn ich im Moment des Losfahrens denke, dass ich doch gar nicht so viel Stress habe 😀
So auch diesmal.

>> Du willst direkt zu meinen Erkenntnissen springen. Dann scroll einfach runter bis zum rosa unterlegten Absatz.

Die Zeit vor der Abreise war eigentlich ganz entspannt. Ein paar längerfristige Aufträge und eine fast erledigte Deadline, viele neue Ideen und Projekte in der Pipeline, genug Income, aber auch genug Zeit für Freunde, Sport, Nachdenken, Planen, Sein …

Dennoch hatte ich ein ganz merkwürdiges Körpergefühl: Ich fühlte mich, wie ein sirrendes Hochspannungskabel unter Strom und hatte ständig so ein Gefühl von blubbernden Bläschen unter der Haut und an den Schläfen, begleitet von einem juckigen Gefühl, mit dem ich mich nicht wohl in meiner Haut fühlte. Wenn ich mich ablenkte und auf etwas fokussierte, verschwand es kurz. Sonst aber hielt es, seit es aufgetaucht war, schon seit Tagen an. Zum ersten und einzigen anderen Mal in meinem Leben hatte ich dieses Gefühl während einer Teefastenkur erlebt. Bei dieser sehr radikalen Form des Fastens nimmt man mehrere Tage lang nur Tee zu sich, also 0 Kalorien. Dazu auch mehr in dem verlinkten Artikel.

Jedenfalls hörte das eklige Gefühl gleich wieder auf, nachdem wir das Teefasten damals vorzeitig abgebrochen hatten. Ganz wichtig beim Fasten und natürlich auch so: Hör auf deinen Körper und sei gut zu ihm!

Diesmal, so dämmerte es mir langsam, hatte die Ursache wahrscheinlich wieder mit der Ernährung zu tun. Seit einem Monat hatte ich nämlich in diesem Frühling zum ersten Mal konsequent das sogenannte intermittierende Fasten ausprobiert. Diese Form des Fastens, auch als Intervallfasten bekannt, funktioniert nach dem 14:10 oder 16:8-Prinzip. Das heißt, dass du zwischen 14 und 16 Stunden nichts isst und dann 8 bis 10 Stunden Zeit hast, um zu essen. Du hast sicherlich schon davon gehört.

Angelockt hatte mich die Methode durch die Aussicht, dadurch die Benefits der Autophagie zu ernten. So nennt man den natürlichen Reinigungsprozess des Körpers, bei dem alte oder beschädigte Zellen in ihre Bestandteile zerlegt und als neues Material verwendet werden. Dieser Vorgang setzt laut zahlreicher Studien ein, wenn man eine bestimmte Zeit fastet.

Nun ist es aber wie so oft so, dass die meisten Studien und Untersuchungen zu dem Thema ausschließlich an Männern durchgeführt werden und es Hinweise darauf gibt, dass

  1. Intervallfasten für Frauen nicht besonders gut ist, weil es u.a. den Hormonhaushalt ziemlich durcheinander bringen und sich somit auch auf den Zyklus auswirken kann,
  2. und die Methode bei Frauen sehr viel weniger effektiv zu sein scheint als bei Männern. Ich wollte es dennoch ausprobieren, zumal mein Freund genauso Feuer und Flamme war. Er zieht es übrigens noch durch, ich bin durch damit 🙂

Außerdem hatte mir doch schon vor Jahren meine Ayurveda-Ärztin gesagt: „Sie mit ihrer Pitta-Vata-Konstitution: Essen Sie, wenn Sie hungrig sind, sonst kommen Sie aus der Balance.”
Dr. Chaturika ist eine sehr kluge Frau. Ich hätte direkt auf sie hören sollen 😀

Als mir der Zusammenhang zwischen dem Bläschen-Hochspannungs-Gefühl und dem intermittierenden Fasten klar wurde, bin ich sofort zu meinen alten Gewohnheiten zurückgekehrt: morgens schön zu frühstücken und meine drei Mahlzeiten am Tag so richtig zu genießen. Nach ein paar Tagen war das Gefühl weg. Und es ist auch durch die lange Fastenauszeit nicht zurück gekommen.

Für mich ist hiermit klar: entweder ich beziehe meine Energie durch Nahrung und esse, und zwar intuitiv – oder ich esse nicht, nehme mir dafür aber eine Extra-Auszeit. Das tägliche Aushalten dieser Kurz-Intervalle ist nichts für mich. Ich bin definitiv eher eine Langstreckenläuferin, als Fan von Intervall-Training 🙂

Aber zurück zum diesjährigen Fastenerleben: An unserem vorletzten Tag, als Katha und ich gerade mal wieder von einer Radtour durch die Rapsfelder zurückkehrten, fiel mir auf den letzten Metern durch die Allee auf, wie viel klarer ich mich fühlte. Wie viel klarer meine Augen die Welt sahen – richtig gestochen scharf –, und wie viel klarer meine Gedanken waren. Wir viel sich erledigt hatte in der Zeit, durch die Gespräche, durch das stille Starren auf den weiten Horizont. Ich teilte meine Gedanken mit ihr und nun möchte ich sie auch mit euch teilen, um euch vielleicht zu inspirieren.

Inwiefern war das Fasten auch diesmal wieder transformierend:

Klarheit

Ich habe Klarheit gewonnen, im Bezug auf das, was ich will, was ich nicht will, was ich vorhabe (in diesem Jahr und darüber hinaus im Leben), welche nächsten Schritte ich unternehmen möchte, um dorthin zu gelangen. Klarheit über: Wo stehe ich gerade im Leben, wer bin ich und was will ich.

Durch einen moderaten digital Detox (wir hatten Empfang, wenn auch kein gutes Wlan 😉 habe ich viel geschrieben, analog mit Stift und Papier. Zudem habe ich eine Methode von David Allen genutzt, dem Autor des Bestsellers „Getting things done” – zu Deutsch „Wie ich die Dinge geregelt kriege”. Diese Methode funktioniert so, dass man alles und zwar wirklich ALLES, das einem als To Do oder Notiz im Kopf herumgeistert, auf Zettel schreibt, die man in eine Schüssel tut. Diese Dingen kann man später in digitale Listen überführen, aber zunächst geht es darum, den Kopf von allem zu leeren, was seine Kapazitäten besetzt – bewusst oder unbewusst. Die Idee dahinter ist, dass, wenn wir diese Kapazitäten befreien, unsere Kreativität wieder mehr sprudelt. Außerdem gewinnen wir: Klarheit. Was ist wichtig? Was kann warten? Welchen Zettel kann ich direkt zerreissen?

Ich habe einiges davon, direkt angepackt und erledigt, und das, was etwas mehr Arbeit erfordert, liegt jetzt auf meinem Schreibtisch in einer Extra-Schale aber spukt mir nicht mehr im Kopf herum.

Im Ergebnis blubbert in mir nun eine große Lust, die Dinge anzupacken und umzusetzen. Getting things done. Ich spüre frischre Kraft, Ideen und Motivation.

Diese Klarheit ist eine generelle Klarheit der Gedanken. Es ist als würde sich ein Nebel verziehen oder Sahara-Sand in der Luft zu Boden senken. Was übrig bleibt ist klare Sicht und ein freier Horizont, an dem sich ganz scharf und deutlich Bäume, Blumen, Felsen abzeichnen – die wichtigen Ideen, Gedanken und Ziele.

David Allen Getting things done

Rückbesinnung auf meine eigene Stimme

Ich war wenig auf Social Media, was mir erlaubt hat, mich auf mich selbst zu besinnen und meine eigene Kreativität ganz vergleichsfrei anzuschmeißen.

Beim Fasten selber haben wir auch kaum Musik gehört, sondern selbst musiziert und gesungen. Ich habe wenig mit der Außenwelt kommuniziert und nur im Notfall Sprachnachrichten gehört. Seit ich zurück bin brauche und genieße ich die Stille mehr denn je.
Außer beim Laufen mag ich keine Musik auf den Ohren. Der Input, den ich mir von außen zuführe (in Form von Radio, Nachrichten, Zeitungen und auch Text- oder Sprachnachrichten von meinen tollen Freunden, die das zum Glück verstehen) ist noch sehr reduziert.
Die Stadt ist mir Reiz genug und außerdem kann ich so meine eigene Stimme deutlicher hören. Das ist schön und ich genieße die Zwiegespräche mit mir selbst 🙂

De-Stress und Reset

Ich habe mir in den diesmal 6 Tagen selbst den Stress-Stecker gezogen. Denn wie schon oben beschrieben war ich, ohne es zu merken, vorher doch latent gestresst. Das passiert wahrscheinlich von ganz allein, wenn man in der Stadt lebt und arbeitet. Auch wenn man eine regelmäßige Meditationspraxis hat.
Die Großstadt, die To Dos, und natürlich auch die Lage der Welt und all die Gedanken, die s.o. immer unterbewusst mitlaufen und Kapazitäten im Kopf besetzen.

Jeder Mensch braucht Pausen. Es tut gut, einfach mal raus zu kommen aus allem, und zwar noch bevor es einem zu viel wird. Selbst wenn du glaubst, du bist entspannt, es geht immer noch ein Stückchen entspannter.

Mein Verhältnis zum Essen

Auch im Bezug auf Essen und Fasten und wie beides zusammengeht. Wie oben bereits geschildert, ist mir klar geworden, dass das Intervallfasten nichts für mich ist. Ich brauche, wenn ich im Ess-Modus bin, eine Regelmäßigkeit, die mich nährt. Das Intervallfasten hat mich nicht genährt. Das Fasten schon. Von innen. Und da die Autophagie ohnehin nach 72 angeblich ihren Höhepunkt erreicht, ist das mehrtägige Fasten für mich definitiv die bessere Methode.

Mein Entzug vom Kaffee ging relativ unkompliziert (dank des Abführens, schätze ich) und ich habe keine Cravings mehr. Vor dem Fasten war ich gerade in einer ziemlich süßen Phase: Schoko-Ostereier, Kuchen, Eis … das ist jetzt weg. Tatsächlich fand ich den Kuchen, den ich mir extra von einer Familienfeier aufgehoben und auf den ich mich drei Tage gefreut hatte, gestern gar nicht lecker. Im Gegenteil. Er war mir viel zu süß.

Jetzt an Aufbautag 3 habe ich mich langsam wieder an feste Nahrung gewöhnt – es dauert immer eine Weile. Nun schmeckt alles so intensiv! Ich brauche kaum Salz und bin in Puncto ölfreies Dressing für Salat oder Gemüse sehr kreativ geworden. Meine neue Lieblingsmischung besteht aus etwas Apfel, Gurke, Banane (!), Wasser und einem Spritzer Zitrone, im Hochleistungsmixer püriert. Probier’s mal aus, es ist göttlich!

Ich merke: ich brauche nicht mehr viel, auf jeden Fall keine Geschmacksverstärker.

Ölfreies Dressing

Weitere Erkenntnisse

Immer wieder neu:

Wie in der Meditation ist auch das Fasten jedes mal ein ganz neues Erlebnis. Auch nach Jahren der Erfahrung, kann ich vorher nie wissen, wie es wird.

It’s a process:

So eine Fastenzeit ist natürlich nicht ganz ohne, auch wenn ich es hier in so leuchtenden Farben schildere. Das liegt daran, dass ich schon viel Erfahrung damit habe und weiss, wie ich die berüchtigten Fastentiefs umgehe und vermeide. Aber na klar, es ist eine Herausforderung für das ganze System, wenn man auf einmal von 100 auf 0 runterschaltet, und das auf so vielen Ebenen. Man geht durch Wellen, es ist ein Prozess.

So auch diesmal: Ich brauchte Zeit, um wirklich Anzukommen. Meine Energie schwankte und ich brauchte etwas, um mich an das Zusammensein mit der Freundin zu gewöhnen, wir mussten uns aufeinander einschwingen. Dann die plötzliche Reizarmut (im Vergleich mit der Großstadt). Das Mit-mir-selbst-Sein, das ohne den Partner sein.

Immer wieder gut:

Es hat sich für mich mal wieder bestätigt, wie gut so eine Auszeit mir tut. Auch wenn ich, noch nach 6 Jahren, jedes Mal ein bisschen Schiss davor habe, ob es gelingen wird. Und ich mich manchmal mit der Planung nicht recht festlegen will, weil ich denke, ich habe „besseres” zu tun … Und dann geht’s los und die Magie passiert wie von allein. Mein Körper stellt sich jedes Mal so schnell um, dass ich aus dem ehrfürchtig-beeindruckten Staunen kaum heraus komme und meinem Geist wachsen Flügel …

Danksagung zum Schluss:

Aus der Distanz, in der Abgeschiedenheit und vor einem freien weiten Horizont auf das zu blicken, was man hat, lässt mich oft in Dankbarkeit zerfließen. All die wunderbaren Menschen, mit denen ich in Beziehung bin, die mich tragen und inspirieren!

Ich bin außerdem sehr dankbar, dass ich diese Praxis für mich etabliert habe, dankbar über die wunderbare Freundin, mit der ich diese besondere Zeit teilen kann, dankbar, dass ich mir mein Leben so einrichten konnte, dass ich ohne große Vorankündigung in diese Auszeit gehen kann, dankbar für meinen starken, klugen Körper, meine Sinne, die Natur, Mutter Erde … und für die Erfindung des Fahrrads 🙂

Meine Botschaft an dich:

Wenn du Lust auf Fasten hast, probier es aus! Es müssen auch nicht gleich 5 oder 7 Tage sein, 3 sind ein Super-Start! Und wie gesagt: die Autophagie erreicht ihren Höhepunkt angeblich nach 72 Stunden, danach geht’s wieder runter … 😉

Mach dich auf jeden Fall vorher schlau, frag gegebenenfalls deinen Arzt oder deine Ärztin. Es gibt auch begleitete Fastenreisen, wenn du es nicht allein machen möchtest.

Vor allem aber: Hör gut auf deinen Körper, er weiß ganz viel. Gib ihm das, was er braucht, was DU brauchst und lass deine Selbstfürsorge ganzheitlich sein.

Disclaimer: Wenn du merkst, dass du eine Essstörung, hol dir professionelle Hilfe. Du bist nicht allein.

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Noémie Causse

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